Velozwerge

„Velozwerge“ und „on stage“- zwei neue Aktionen für Coburg Jugend gruppe erleben

Wer gern Hand anlegt und sich ein eigenes Fahrrad wünscht, ist bei den Velozwergen richtig. Wer sich gern ausprobiert – ohne viele Worte – auf der Bühne, einfach so, zu abgefahrener Musik, ist bei On Stage mehr als willkommen.
Die Projektpartner wünschen sich viele Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren, die nach ihren Interessen gemeinsam an Fahrrädern schrauben und / oder gemeinsam Theater spielen und tanzen.

Die Projekte sind in dem Programm „Kultur macht stark – Jugendgruppe erleben“ angesiedelt und werden durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.

Ort des Projektes: Pfadfinderhaus, Ketschengasse 48, CoburgPbW-Farbe_Internet

Träger des Projektes: Pfadfinderbund Weltenbummer, Landesverband Bayern e.V.
Jasmin Müller-Alefeld

Kooperationspartner: Caritas, Frau Walentin &
türkischen Kulturverein DITIB, Frau Birinci &
ADFC, Herr Ott

Velozwergevelozwerge

Reifen flicken, Muttern festziehen, Bremsen nachstellen, Reflektoren anbringen und vieles mehr kannst Du bei den Velozwergen ausprobieren.
Du brauchst kein eigenes Fahrrad, du kannst dir auch selbst eines zusammenschrauben. Wir helfen dir dabei!
Fahrradtouren, Geschicklichkeitstraining und Sicherheitstraining mit der Polizei stehen im Jahresplan.
Donnerstags 16.00 – 18.00 Uhr (während der Schulzeit)

„Velo-Zwerge“ der Coburger Fahrrad-Werkstatt
Rat aus der „Rad-Klinik“:

Kaugummi hilft nicht bei Schlangenbissen

Von Thomas Röhr

Wie gut, dass das Rad erfunden wurde. Also, das Rad mit den beiden Rädern. Mit den zwei Pedalen, der Kette, dem Sattel, den Speichen und der Klingel. Denn sonst hätte Moritz weniger Spaß: kein Radfahren – kein Blubbern. Dabei ist gerade dieses „blubb … blubb… blubb“ Musik in seinen Ohren. „Wo’s blubbert, da ist das Loch“, so der 12-Jährige. Absolut richtig. Er zeigt mit dem Finger auf die Stelle, an der die kleinen Blasen aus dem Fahrradschlauch kommen. Den hat er in einen Wassereimer gesteckt und vorher prall aufgepumpt.

Plattfuß

Die Drahtesel-Diagnose war sowieso klar: Plattfuß. Aber um das Loch zu finden, musste es eben erst einmal blubbern. Der Rest ist Routine: Den Schlauch mit einem Lappen trocken rubbeln und die Stelle rund ums Loch mit Sandpapier leicht anrauen. Dann kommt Kleber drauf. Den lässt Moritz etwas antrocknen. Danach nimmt er den Flicken und klebt ihn auf die „Schlauchwunde“. Er drückt den Flicken kräftig an. Richtig fest. – Fertig.

„So’n Platten ist kein Drama“, sagt Moritz. Er ist schließlich Junior-Profi, was die „Rad-Rettung“ angeht. Denn Moritz gehört zu den „Velo-Zwergen“ in Coburg – eine Art „Fahrrad-Fan-Klub“ von Kindern und Jugendlichen. Ganz wichtig: mit eigener Werkstatt in der Coburger City. Und alle mit einem guten Händchen fürs Fahrrad. Klar eigentlich, denn viele der Rad-Reparateure der „Velo-Zwerge“ sind Pfadfinder. Technisches Know-how bringen sie also mit. Und das ist ideal, um flott Hand anzulegen, wenn ein Plattfuß-Rad kommt.

15er Ringschlüssel

Moritz zieht den Mantel auf. Willi (15) greift flott zum 15er Ringschlüssel. Er schraubt das Vorderrad wieder fest. Vorher hat sich Moritz die Reifendecke noch einmal gründlich angeguckt. „Hab’ nix gefunden. Oft sieht man, woran’s liegt, wenn der Reifen platt ist. Meistens sind das Scherben oder Nägel“, sagt „Velo-Zwerg“ Moritz.

Wer ihnen über die Schulter schaut, merkt: So ein Fahrrad ist eine Wissenschaft für sich. Und die Reparatur erst recht. Gerade dann, wenn es ans Tretlager geht. Das ist dann schon die „hohe Radler-Bastelkunst“. Deshalb gibt es in der „Velo-Zwerg-Werkstatt“ auch zwei Chef-Reparateure. Das sind absolute Rad-Profis. Einer davon ist Edmund Ott. Er kommt vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub, kurz ADFC. Sein Job ist es, die „Velo-Zwerge“ zu „Rad-Riesen“ zu machen, jedenfalls technisch.

Mit Karacho ins Schlagloch

Bei der Suche nach dem Loch im Reifen gibt er den „Jung-Pedalisten“ noch einen Tipp: „Achtet drauf, es könnte auch ein Snakebite sein.“ Ein Schlangenbiss also. Der Fahrrad-Meister klärt auf: „Es geht dabei um zwei Löcher im Schlauch. Und die sind tatsächlich ziemlich giftig. Das ist nämlich eine üble Reifenpanne. Die passiert, wenn der Luftdruck im Reifen zu niedrig ist und wenn man dann mit Karacho gegen einen Bordstein oder in ein Schlagloch fährt. Dabei drückt der Schlauch bis auf die Felgen durch. Rechts und links gibt es dann seitlich am Reifen jeweils ein Loch. – So, als hätte da eine Schlange mit ihren beiden Giftzähnen ins Gummi gebissen.“ Pures Profil-Know-how.

Kaugummi-Flicken

Max (12) hält mit einem Laien-Experiment aus seiner „Frühzeit der Fahrradkunde“ dagegen: „Ich habe mal einen platten Reifen mit einem Kaugummi repariert.“ Sagt er und grinst. Rad-Profi Edmund Ott verzieht das Gesicht: „Mit einem Kaugummi?“ – „Ja, einfach aufs Loch geklebt zwischen Schlauch und Reifen.“ Skeptische Blicke. Die „Velo-Zwerg-Runde“ will an den Kaugummi-Flicken nicht glauben. „Doch!“ – Pause. „Damit konnte ich dann noch ungefähr 15 Meter fahren.“ Max lacht. Flynn (13) kontert: „Na, dann hast Du ja wenigstens den Kaugummi entsorgt.“

„Rad-Elite“

In Sachen Fahrrad-Reparatur macht den „Velo-Zwergen“ keiner ein X für ein U vor. Sie gehören – ohne Frage – zur „Rad-Elite“ in Coburg. Denn: „Viele haben ja kein Fahrrad zu Hause“, sagt Jasmin Müller-Alefeld. Die Ideen-Geberin und Initiatorin der Coburger Fahrrad-Werkstatt „Velo-Zwerge“ hat dabei insbesondere Kinder aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien vor Augen. Ihnen die Chance zu geben, auch in die Pedale zu treten, darum geht es. In die eigene Pedale, vom eigenen Fahrrad. Denn auch das geht in der Fahrrad-Werkstatt – sich ein eigenes Fahrrad zusammenzubauen. Natürlich helfen die anderen dabei.

Acht im Rad

Und deshalb startet die Werkstatt demnächst auch einen Appell: „Fahrräder für die ‚Velo-Zwerge’!“ – Per Pressekonferenz machen die jungen Coburger Fahrrad-Fans den Bike-Bedarf bekannt. Reichlich Rad-Spenden wird es geben, da sind sich die „Velo-Zwerge“ sicher. Fahrräder mit verrosteten Ketten oder einer Acht im Rad – kein Problem. Einem geschenkten Drahtesel guckt man schließlich nicht in die Speichen. Jedenfalls nicht so genau.

Nicht 100-prozentig sattelfest

Was die Coburger „Velo-Zwerge“ auf die Beine stellen, ist ein Rund-um-Rad-Service: Es gibt ein Fahrtraining. Und das sogar unter polizeilicher Aufsicht: regelmäßige Trainingsstunden mit der Verkehrssicherheit der Polizei. Und das ist auch nötig: „Rechts vor links gehört zum kleinen Einmaleins im Straßenverkehr. Aber genau das muss erst einmal gelernt werden. Wer in der Schule den Fahrrad-Führerschein gemacht hat, ist längst nicht immer auch 100-prozentig sattelfest, wenn es um die Verkehrssicherheit geht“, so Jasmin Müller-Alefeld. Gerade das Linksabbiegen hat es in sich. Und am Zebrastreifen auch ganz genau auf die Fußgänger zu achten, kann man nicht oft genug üben.

„Velo-Docs“ lernen Erste-Hilfe

Die Werkstatt ist eine Art „Fahrrad-Klinik“. Und die „Velo-Zwerge“ sind die „Docs“. Aber was, wenn es einen der Radler mal böse erwischt? „Wenn es einen hinlegt, dann muss man wenigstens wissen, was man machen muss“, sagt Kumru. Schürfwunde oder Schlimmeres? – Auch darauf bereitet die Coburger Fahrrad-Werkstatt die 9- bis 16-Jährigen vor: Es gibt einen „Erste-Hilfe-Radler-Kurs“. So präpariert, macht Radfahren Spaß. Und es hat ja noch einen anderen Vorteil. Den bringt Willi (15) auf den Punkt: „Mobilität ohne Eltern-Taxi.“ Fahrrad bedeutet eben Freiheit – jedenfalls, wenn man vom Fleck kommen will. „Und das ist absolut umweltschonend. Mehr Öko geht gar nicht“, so Flynn.

Stramme „Strampel-Leistung“

Deshalb können die „Velo-Zwerge“ ihre Radtouren auch mit dem besten ökologischen Gewissen abstrampeln. Beliebte Strecke: der Coburger Weg – einmal komplett um die fränkische Stadt herum. Hier bietet die Fahrrad-Werkstatt drei Touren an: für Familien, für Jugendliche und für Kinder – für jedes Alter und für jede Strampel-Leistung ist etwas dabei. „Die Eltern und Geschwister von einem ‚Velo-Zwerg’ mitzunehmen, ist wichtig. Denn gerade ausländische Familien überzeugen sich gerne selbst davon, wo ihr Kind aktiv ist – und mit wem“, sagt Jasmin Müller-Alefeld.

Die „Velo-Zwerge“ haben ihr „Radnetz“ übrigens optimal gespannt: Der bayerische Pfadfinderbund Weltenbummler hat die Jung-Radler ins Rollen gebracht. Sie arbeiten dabei Hand in Hand mit der türkischen Gemeinde in Coburg (DITIB). Ebenso mit der Caritas. Dadurch gewinnt die Fahrrad-Werkstatt neue „Velo-Zwerge“ – gerade aus Migranten- und Flüchtlingsfamilien. Und vom ADFC-Know-how rund ums Rad profitieren alle „Velo-Zwerge“ enorm.

Tandem ohne Schweißen

Wer Fahrrad fährt, hat immer ein Ziel. Und wer an Fahrrädern bastelt, auch: Die „Velo-Zwerge“ haben sich jetzt vorgenommen, ein Tandem zu bauen. Aber ein besonderes: „Wir bauen nämlich ein Tandem – ohne zu schweißen“, sagt Willi. So etwas kann nur Radlern einfallen, die Feuer und Flamme fürs Fahrrad sind. Es bleibt dabei: Wie gut, dass das Rad erfunden wurde. Allein für Coburg hätte es sich schon gelohnt.